Wegkreuzungen Der Turm zu Babenberg



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Als Karl zum Fenster hinausschaute konnte er nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden. Sein Blick ruhte auf dem alten Turm aus dem frühen 14 Jahrhundert. In der späten Nachmittagssonne strahlte das denkmalgeschützte Bauwerk eine besondere Ruhe aus.
Zur gleichen Zeit saß Sheryll Berg im ICE von Köln nach Frankfurt. Seit der Fertigstellung der neuen Schnellstrasse beträgt die Fahrtzeit nur noch siebenundsiebzig Minuten. Aber sie achtete nicht auf die Geschwindigkeit. Ihre Gedanken kreisten um die Fertigstellung des Projekts. Auch sie konnte nicht ahnen, in welcher Weise sich ihre Wege kreuzen würden.
Karl fand es immer wieder eigenartig, dass der Turm und das alte Gutshaus ein und denselben Baustil aufwiesen. Hatte nicht Großmutter oft seltsame Geschichten über diesen Turm zu Babenberg erzählt? Ein wunderschönes Schloss wäre es einst gewesen, aber seine Mutter hatte dann stets gelacht und rigoros erklärt Großmutter hielte wieder einmal ihre berühmte Märchenstunde.
Trotzdem, Karl grinste in Erinnerung an seine infantilen Gedanken, die seine Kindheit und Jugend geprägt hatten. Denn damals hatte er in dem alten Turm, in dessen Schatten er aufgewachsen war, einen Aufpasser und Beschützer gesehen, einem mahnenden Zeigefinger gleich.
Jetzt dieser erstaunliche Zufallsfund. Beim Renovieren hatte er, eingemauert in einer Nische hinter einer morschen Holzvertäfelung im Schlafzimmer seines Urgroßvaters eine uralte verschlossene Messingkassette gefunden. Erst nachdem er die Kassette geborgen und weitere Steine aus dem bröckeligen alten Mauerwerk gelöst hatte, fand er in einem gut erhaltenen ledernen Kuvert den passenden Schlüssel für die Schatulle. Es war ein aufregender Moment gewesen, als sich mit knirschendem Geräusch der Schlüssel in dem immer noch intakten alten Schloss der Kassette gedreht hatte und der Deckel sich öffnen ließ. Seine Erwartungen waren wirklich nicht allzu groß gewesen, aber als er jetzt nur vergilbte Papiere und alte Kuverts mit Wachssiegeln vorfand, war die Enttäuschung doch groß.
Doch plötzlich, bei einem sehr amtlich wirkenden Schreiben, begannen seine Hände zu zittern. Er konnte es zwar nicht ganz genau entziffern, aber war sich doch ziemlich sicher, dass dieses Schreiben die langgesuchte Bestätigung des damaligen Landbesitzes der Babenbergs enthielt. Denn soweit er es beurteilen konnte, sagten diese Papiere eindeutig aus, dass der Turm und der Grund, einschließlich der beiden Seen und den Wäldern bis hin zum Fluss, seit Jahrhunderten seiner Familie gehörten.
Sein Großvater hatte dies schon immer behauptet, aber da es keinerlei Beweise gab mussten sie sich mit dem begnügen was ihnen laut Unterlagen von 1880 zugesprochen worden war und das beschränkte sich auf das Gutshaus und 4000 qm Land.
Denn als die nahe gelegene Kirche in der damals sämtliche Schriften über Land und Leute aufbewahrt wurden 1856 bis auf die Grundmauern abgebrannt war, konnten keinerlei Nachweise mehr erbracht werden, die das Geschlecht derer von Babenberg als Eigentümer dieses Landstriches anerkannt hätten. Eigenartig war bloß, dass in diesen Schriftstücken aus der Kassette nicht nur von seinem Urgroßvater Peter, sondern auch von einem Bruder Paul von Babenberg die Rede war.
Hatte der Familienclan derer von Babenberg noch weitere Überraschungen in petto?
Sollte sich nun sein Traum erfüllen Babenberg endlich aufwändig nach den alten Bildern und Stichen renovieren zu lassen? Seine jetzigen Mittel reichten gerade mal für das Nötigste.
Sheryll hing ihren Gedanken nach, während die Landschaft an ihrem Zugfenster vorbei flog. Seit vierzehn Tagen befand sie sich nun in Deutschland. Bisher hatte sie in Boston gelebt. Doch das verlockende Angebot eines namhaften Architekturbüros in Köln, das sich hauptsächlich mit alten Denkmalgeschützten Gebäuden befasste, hatte sie nicht mehr in ihrer Heimat gehalten.
"Amerika ist das Land der Zukunft, aber alte Kulturen musst du in Europa suchen, hatte ihr Großvater immer gesagt. Da ihr Ururgroßvater väterlicherseits nach einem Familienstreit nach Boston ausgewandert war, hatte ihre Familie eine romantische Affinität zu Deutschland entwickelt und legte seit Generationen unter anderem auch großen Wert darauf die Deutsche Sprache aufrechtzuerhalten. Sheryll grinste, wenn sie daran dachte wie sie diese Regel- zu Hause Deutsch zu sprechen- verabscheut hatte. Doch nun waren ihre perfekten Deutschkenntnisse und ein abgeschlossenes Archäologie- und Architekturstudium ein riesiger Vorteil bei der Bewerbung gewesen und hatten ihr bei den vielen hundert Interessierten den Zuschlag bei der Vergabe des Traumjobs eingebracht.
Jetzt hatte sie allerdings sinnbildlich ziemlich kalte Füße, denn dass sie ihre Chefs nun gleich ins Wasser schubsten und sie ganz allein zu diesem außergewöhnlichen Projekt schickten jagte ihr doch kalte Schauer über den Rücken. Den Umbau des alten, denkmalgeschützten Gutshauses, das mehr einem Schloss oder einer Burg glich zu überwachen, davon hätte sie nie zu träumen gewagt.

Sollte sie hier durch Zufall bei ihren Vorfahren gelandet sein? Gab es solche Zufälle und Wegkreuzungen im wirklichen Leben?
Karl sah in Sherylls aufgewühltes Gesicht. Sie hatte ihm inzwischen nicht nur bestätigt, dass die Unterlagen rechtlich einwandfrei wären, sondern auch ihre Familiengeschichte unterbreitet. Der Anruf in Boston bestätigte letztendlich alle Vermutungen. Karl und Sheryll waren verwandt. Hatte das Schicksal sie zusammengeführt oder die Vorsehung? War im Leben doch alles vorbestimmt? Oder können wir bei bestimmten Wegkreuzungen selbst entscheiden in welche Richtung uns das Schicksal führen soll?
"Dann gehört der Turm Dir, lachte Karl. Nein, nein keine Angst, ich freue mich so endlich wieder eine Familie zu haben, da teile mit Dir auch gerne den Rest, wenn alles so stimmt wie Du annimmst.
Allerdings müssen wir den Turm erst einmal aufbrechen. Unser Ururgroßvater ließ ihn wohl damals von innen zuschütten und zumauern."
Nachdem Sie alle behördlichen Instanzen durchlaufen hatten und an der Echtheit der Unterlagen keinerlei Zweifel mehr bestand, wurde der Turm feierlich geöffnet.
Sheryll hatte inzwischen ein Päckchen aus Boston bekommen. Ihre Großmutter Lavinia, hatte ein kleines, in Leinen eingenähtes Dokument beigelegt. Das Schreiben war an ihren Urgroßvater gerichtet. Anscheinend hatte ihre Ururgroßmutter Isabel dies Ihrem Sohn zukommen lassen als der alte Graf gestorben war. Wie dieses Schreiben nach Boston kam konnte nicht so genau ergründet werden. In diesem Testament verwies sein Ururgroßvater Gustav Dietrich darauf, dass sein Sohn Paul bei seiner Rückkehr nach Babenberg das was ihm rechtlich zustünde vorfinden würde, wenn er die an ihn gerichteten Zeilen richtig deuten könnte:
"Dieser Turm sei wie der Finger der gestreckt Dir zeigeHier sollst Du sein hier ist deines Wesens Bleibe Die Stufen die genau eines Jahres Ablauf zählen Sollst Du nach Deinen Lebenszahlen wählen Tag und Jahr nimm als Zahl sodass es ergibt der Stellen zwei.Somit sei Deine Sorg und Schmach dann immerfort vorbei."Großmutter schreibt, sie glaube, dass mein Urgroßvater dies von einer späteren Reise aus Deutschland mitgebracht habe und sie könne sich lediglich erinnern, dass er es ständig besonders aufbewahrt aber nie geöffnet habe. Alle Fragen habe er stets abgeblockt und wollte nie darüber sprechen. Ob er wusste was dieses Schriftstück beinhaltete, könne sie deswegen nicht sagen.Beide brüteten tagelang über dem Text, Karl wurde ungeduldig und wollte nun endlich den Turm öffnen lassen. "Sicher finden wir dann irgendetwas um den Sinn dieser Worte besser zu verstehen."
Es dauerte einige Tage bis das alte Eisentor des Turmes sich endlich quietschend öffnete. Spezialarbeiter mussten mit viel Fingerspitzengefühl unter den strengen Blicken von Sheryll den Turmaufgang von Steinen und Schutt befreien. Es gab sie tatsächlich die 365 Stufen. Soviel wie ein Jahr Tage hatte. Diese führten nach oben in eine wunderschöne Burgkemenate. Allein der Ausblick entschädigte für alle Kosten und Mühen.
Immer wieder probierten sie verschiedene Möglichkeiten aus um das Geheimnis zu lüften. Es war Karl, der durch Zufall gegen eine der 365 Steinstufen stieß worauf sich einer der horizontalen Stützsteine löste.
Im Nachhinein konnten sie das Rätsel rekonstruieren. Urgroßvater Paul war am 29.09.1869 geboren, die Quersumme war somit 44. Es war die 44. Stufe hinter der sie eine Kassette mit wertvollem altem Schmuck und alten 300000 Goldtalern fanden. Auch noch für heutige Verhältnisse ein unvorstellbares Vermögen.
Jetzt hatte der alte Turm wieder zusammenführt was das Schicksal einst getrennt hatte und Schloss Babenberg würde bald wieder im alten Glanz erstrahlen.
Bei der Einweihung, ein Jahr später, kamen alle Verwandten aus Boston, Sheryll hatte ein neue Heimat und Karl wieder eine Familie.
Und Babenberg dank geheimnisvoller Wegkreuzungen glückliche Bewohner mit dem neuen alten Geschlecht derer von Babenberg.

© Eva-Beatrice Soller
Sie befasste sich wieder mit der Landschaft einem wunderschönen Fleckchen Erde, aus der auch ihre Vorfahren stammten. Sie freute sich immer mehr auf ihre Aufgabe.
Karl legte die Kassette mit den wertvollen Unterlagen in den Safe, den er sich in der alten Bibliothek hatte einbauen lassen übrigens einer der wenigen Räume, die nicht von dem Umbau und der Renovierung betroffen waren. Ein Blick auf die Uhr mahnte ihn zur Eile. Er sollte den Architekten von Mautner+Moebig vom Bahnhof abholen. Auf die fertigen Pläne war er wirklich mehr als gespannt - hoffentlich konnte er das alles finanziell ermöglichen. Von der Abteilung Denkmalschutz im Landratsamt bekam er zwar Unterstützung, aber auch dies war lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Auf jeden Fall musste er morgen auf die Gemeinde gehen und die alten Unterlagen vorlegen. Vielleicht konnte er ja dann den alten Turm in den Umbau integrieren. Dazu waren aber sicher noch detaillierte Nachforschungen und Übersetzungen notwendig. "Mal sehen, was der avisierte Spezialist so auf Lager hatte" - soll ja nicht nur Architekt, sondern auch Archäologe sein.
Sheryll stand bereits seit fünf Minuten vor dem kleinen Bahnhofsgebäude von Babenberg. Es gab keine Telefonzelle, keinen Bahnangestellten, ja nicht mal ein Taxi war zu sehen. Eine ganz schön verlassene Gegend dieses Babenberg. Mit quietschenden Bremsen hielt plötzlich ein knallrotes Cabrio ein paar Meter von ihr entfernt. Ein junger, sportlicher Mann mit dunklen, kurzen Haaren sprang aus dem Wagen und lief in das kleine Bahnhofsgebäude. Minuten später kam er kopfschüttelnd wieder heraus.
Da Sheryll keine Lust hatte in dieser Einöde länger zu warten, wandte sie sich entschlossen an den jungen Mann. "Könnten Sie mich bitte bis zu einem Taxistand mitnehmen?" Karl erfasste erst jetzt bewusst die hübsche, junge Frau. Die rotgelockten, schulterlangen Haare leuchteten in der Sonne und die Figur ließ auch nichts zu wünschen übrig.
Lächelnd öffnete er die Beifahrerertüre seines Wagens. "Wo darf ich sie hinbringen? Mit Taxis werden Sie hier kein Glück haben. Da ich sowieso jemanden abholen wollte, der leider nicht gekommen ist, habe ich Zeit und kann Sie fahren."
Sheryll war sichtlich erleichtert "Nach Gut Babenberg, wenn es keine allzu großen Umstände macht, bitte." Karl starrte sie erstaunt an. "Sind Sie die Architektin Berg? Ich war völlig auf einen Herrn fixiert. Verzeihen Sie, mein Name ist Karl Babenberg. Wir haben jetzt sozusagen denselben Weg. Willkommen in meiner Heimat."
Sheryll beobachtete Karl von Babenberg beim Autofahren, ein wirklich interessanter Mann. Seine großen blauen Augen waren von unverschämt langen Wimpern eingerahmt und die gerade, kräftige Nase unterstrich die vollen Lippen. Karl war sich der Musterung der jungen Dame bewusst. Ein kleines spöttisches Lachen entfuhr ihm "Na sind Sie zufrieden oder haben Sie sich einen Gutsherrn anders vorgestellt? Sheryll lachte. "Ich bin Amerikanerin und habe kaum eine Vorstellung von deutschen Gutsherren, aber ich bin neugierig und versuche alle Eindrücke wie einen Schwamm aufzusaugen."
Nach zehn Minuten fuhren sie über eine Brücke und anschließend durch ein breites, altes Burgtor. Der Burggraben war wild bewachsen und der Gutshof mit seinen Brunnen und den imposanten Gebäuden wirklich eine wahre Pracht. Sheryll stieß beeindruckt einen Entzückensschrei aus als ihr Blick auf den alten, mit Rosen überwachsenen Turm fiel. "Es ist wie im Märchen, ich warte nur noch, dass Dornröschen auf der Bildfläche erscheint."
Karl lachte. "Damit kann ich nicht dienen aber ich habe wirkliche Schätze für Sie." Er führte sie in die Bibliothek und zeigte ihr die Unterlagen in der Kassette.
"Am besten sie vertiefen sich mal in die Materie. Wenn das alles stimmt, kann ich Babenberg wieder im alten Glanz erstrahlen lassen. Na ja, sicher muss ich dann ein bisschen Land verkaufen, also sehen wir erstmal, was das Landratsamt zu unserem spektakulären Fund sagt.
Inzwischen hole ich Ihnen eine Stärkung. Später führe ich Sie dann herum und zeige Ihnen auch Ihre Unterkunft für die nächsten Wochen. Sie bekommen ein Zimmer mit Blick auf den Turm. Dann möchte ich allerdings unbedingt die Pläne sehen, ich bin schon ganz gespannt."
Sheryll nickte zustimmend, war aber mit ihren Gedanken bereits in die Unterlagen vertieft. Die altdeutschen Texte machten ihr nur anfänglich Kopfzerbrechen, aber schnell war sie mit der Materie wieder vertraut.
Tatsächlich gehörte hier alles zu Schloss Babenberg. Es war also gar kein Gut, sondern ein gräfliches Schloss. Immer wieder tauchten die Namen der beiden Grafensöhne Peter und Paul auf. Der alte Graf Gustav Dietrich von Babenberg führte ein strenges Regiment. Er entschied wen seine beiden Söhne heiraten sollten und wo und wie sie leben sollten. Peter von Babenberg fügte sich dem Willen des despotischen Vaters, aber Paul war nicht bereit nur wegen des schnöden Mammons zu heiraten. Bei Nacht und Nebel verließ er Babenberg. Sein Vater enterbte ihn und überließ ihm lediglich den alten Turm.
Während Sheryll die Geschichte las überliefen sie kalte Schauer. Dieser Paul Babenberg war am gleichen Tag geboren wie ihr Urgroßvater. Hatte ihr nicht ihr Opa erzählt, dass sein Vater seinen Namen gekürzt hatte, da die Amerikaner den vollen Namen jedes Mal so verunstalteten, dass ihm nichts anderes übrig geblieben war.

Pretty Belinda


Belinda stand auf einer Leiter zwischen den hohen Regalen der Universitätsbibliothek, um den liegen gebliebenen Stapel Bücher einzuordnen. Sie gehörte nach über fünf Jahren bereits zum verstaubten Inventar dieser Uni-Einrichtung und außerdem zu der Kategorie Frau, die Männer als unscheinbar einstufen würden. Hier in der Bibliothek kannte sie jeder, etwa so wie man einen Computer kannte, der stumm auf dem Tisch stand und der, wenn man ihn betätigte, willig Auskunft gab. Belinda hatte allerdings einen riesengroßen Vorteil, denn sie stand nicht nur rum, sondern war in der Lage jederzeit die benötigten Bücher rauszusuchen und die Bibliotheksbesucher fachkundig zu beraten.
Dies war allerdings nur ein Grund mehr, dass die junge Frau von den Studenten und Dozenten schamlos ausgenutzt wurde.
Belindas Überstunden bewegten sich in einem nicht mehr zu überblickenden Bereich. Besonders, für ihren heimlichen Schwarm Dr. Markus Bender, machte sie oft endlose Zusatzstunden. Denn meistens war der junge gut aussehende Dozent für Ägyptologie, so in seine Bücher vertieft, dass er die Zeit völlig vergaß.
Belinda nahm das klaglos hin, nur ab und zu, warf sie ihm einen verstohlenen Blick zu.
Meistens bemerkte er nicht einmal, dass die Bibliothek schon lange geschlossen hatte. Fiel es ihm doch ab und zu mal auf, dass nur noch er alleine übrig geblieben war, lächelte er sie freundlich an und bedankte sich für ihr Verständnis.
Das waren Belindas Highlights, davon zehrte sie tagelang und nahm seinen zerstreuten freundlichen Blick, nachts mit in ihre Träume.
An manchem freien Samstag half sie in dem Schuhgeschäft, bei der alten Frau Hefner aus. Es lag direkt neben dem Haus in dem sich auch ihre Wohnung befand. Zwar erhielt sie als Bezahlung höchstens mal ein paar altmodische Pantoffeln, oder Socken, aber sie sah Markus des Öfteren am Schaufenster vorbeigehen. An diesem Samstag verirrte er sich sogar in den Laden. Belindas Augen, hinter der dicken schwarzen Hornbrille, blitzten vor Aufregung als sie ihn bediente. Er kaufte auch wirklich ein paar Schuhe. Belinda allerdings war, als er den Laden wieder verlassen hatte, den Tränen nahe. Er hatte sie nicht erkannt. Niedergedrückt räumte sie die verstreuten Schuhkartons auf. Ihre Stimmung fiel sogar der alten Frau Hefner auf, die sonst nicht gerade vor Anteilnahme strotzte. "Sie arbeiten zu viel Kindchen, gehen sie mal ein bisschen Spazieren oder kaufen sie sich was Schönes!" Belinda zog ihre mausgraue Tweedjacke, ein Erbstück ihrer verstorbenen Mutter, an und flüchtete wie gehetzt aus dem Laden. Sie war höchstens ein paar Meter gelaufen, als sie abrupt umdrehte. "Ach was, sei nicht so eine Mimose, Du weißt doch selbst, dass sich Markus Bender nichts aus dir macht. Jetzt hast du wegen so bescheuerten Backfischallüren, die arme Frau Hefner mit der ganzen Arbeit allein gelassen."
Sie war gerade dabei den Laden zu betreten, als ihr auffiel, dass es sich hierbei nicht um das Schuhgeschäft, sondern einen Friseurladen handelte. Eine junge wunderschöne blonde Dame nahm ihr mit sicheren Bewegungen die Jacke ab und führte sie zu einem bequemen Stuhl. "Ich heiße Eva und freue mich, dass sie endlich gekommen sind!"
"Wieso endlich?", verständnislos verfolgte Belinda, wie Eva ihr den Umhang umlegte und ihr die wuchtige Brille von der kleinen Stupsnase zog. Belinda wollte schon protestieren, denn ohne ihre Augengläser konnte sie kaum was erkennen, aber Eva beruhigte sie: "Momentan gibt es sowieso nichts zu sehen!" Wo, in aller Welt war sie gelandet, hier müsste doch der Schuhladen sein, den sie gerade verlassen hatte.
Eva öffnete bereits Belindas streng hochgesteckte Haare, so dass sie ihr bis über die Schultern fielen. Mit leisen, rätselhaften Worten erklärte sie ihr, das sie jetzt einen tollen Schnitt bekommen würde und anschließend eine Dauerwelle und eine Tönung. "Bald werden Sie so aussehen, wie es vorgesehen war!" Trotz all der sonderbaren Redensarten entspannte sich Belinda allmählich und fühlte sich wie in einem ihrer Träume gefangen.
Es war ruhig im Salon, komisch war nur, dass sie die einzige Kundin im Laden war.
Die leise angenehme Musik und der Duft nach Rosen und Maiglöckchen, erinnerte sie an ihre Großmutter. Seit sie alleine auf der Welt war hatte sie sich nicht mehr so entspannt gefühlt. Eva hantierte mit der Schere und dem Kamm und sprach leise von Reisen und Freunden. "Auch Ihr Freund wird auf Sie warten!" Belinda sah sich in den Armen von Markus, wie er ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht blies. Sie wusste dass sie träumte, aber so real war ihr das noch nie vorgekommen.
Belinda blieb atemlos vor dem Fenster stehen, was passierte hierß Die alte Frau Hefner dekorierte gerade ihr altmodisches Schaufenster mit hausbackenen Schuhen. Belinda klopfte an die Scheibe und winkte ihr zu. Doch die alte Frau sah sie nur verständnislos an, drehte ihr den Rücken zu und befasste sich weiter mit ihrer Deko.
Es war so, als hätte sie Belinda gar nicht erkannt. Als Belinda wieder das fremde neue Gesicht im Spiegelbild des Ladenfensters sah, wollte sie aus alter Gewohnheit ihre Brille zurechtrücken. Erschrocken und erleichtert bemerkte sie, dass sie nun wirklich auch ohne die dicken Augengläser sehen konnte. Nun verstand sie, warum keine Resonanz von Frau Hefner kam. Sie hatte sie überhaupt nicht erkennen können. Was war denn nun wirklich mit ihr geschehen? Wie konnte eine Sehschwäche von sieben Dioptrien einfach mal so eben verschwinden? Geschäfte plötzlich vorhanden und dann wieder weg sein, als hätten sie sich in Luft aufgelöst? Ein völlig unerfüllbarer Traum Wirklichkeit werden?
Ihr war als hörte sie Evas leises Lachen: "Glaube einfach daran", doch als sie sich umdrehte war niemand da.
Was war geschehen? Ihr war als hätte sich alles verändert. Doch sie hatte keine Zeit darüber nachzudenken. Sie wollte Evas Rat beherzigen und sich ein paar neue Sachen auf dem Weg in die Bibliothek kaufen.
Dr. Markus Bender wartete bereits vor der Bibliothek, als ein junges hübsches Mädchen angelaufen kam und atemlos die Türe aufsperrte. "Ich gebe Ihnen gleich Ihre Bücher, die sie gestern geordert haben, Herr Doktor. Außerdem habe ich noch eine ganz seltene Abhandlung über Ihr neues Thema gefunden. Tut mir leid, dass sie warten mussten, aber heute ist einfach der Tag der Wunder."
Er sah sie erstaunt und interessiert an, eine reizende junge Frau. "Ein wunderbarer Tag, meinen Sie. Kennen wir uns denn, sind Sie neu hier?"
Belinda lachte, "Nein, ich war nur beim Friseur." Markus musterte sie eingehend und was er sah gefiel ihm immer besser, so stellte er sich seine Traumfrau vor. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, sie schon einmal hier gesehen zu haben. "Vielleicht verraten Sie mir Ihren Namen, da Sie meinen bereits wissen sind Sie mir ja ein gutes Stück voraus."
"Aber Herr Doktor, ich bin es doch Belinda Sommer, die Bibliothekarin, erkennen Sie mich wirklich nicht?"
Markus suchte in seiner Erinnerung nach dem Bild des grauen Bibliothekmäuschens mit schwarzer Hornbrille und strähnigen zurückgesteckten Haaren, das ihn immer devot bediente.
Nein, er glaubte nicht an Cinderella, aber egal es war wirklich originell von ihr zu sagen, sie käme gerade vom Friseur.
Krampfhaft überlegte er, wie er es anstellen könnte, damit sie heute Abend mit ihm zum Essen gehen würde. Während sie gemeinsam die Bibliothek betraten, hatten sich bereits mehrere Studenten eingefunden und hofierten sie bewundernd. Er würde hart kämpfen müssen um "pretty Belinda!"

© Eva-Beatrice Soller
"Träumen Sie nur weiter Belinda und lassen Sie sich einfach verwöhnen, Sie haben es verdient."
"Sie kennen mich", verwundert blickte Belinda auf die Umrisse der jungen Friseuse, "ich war doch noch nie bei einem Friseur? Haben wir uns schon mal gesehen?" Eva lächelte sie an: "Entspannen Sie sich einfach."
Belinda wurde richtig schläfrig, aber sie vertraute den beruhigenden und fachmännischen Händen ihrer mysteriösen Friseurin. Strähne um Strähne fiel der Schere zum Opfer.Die Dauerwellwickler wurden in die Haare gedreht und während die Flüssigkeit einwirkte, bekam Belinda eine wohlriechende Gesichtsmaske verpasst. Sie spürte, wie ihre Hände in Kräuteressenzen getaucht und anschließend manikürt wurden.
"Jetzt gibt es noch ein paar Farbakzente für das Haar, viel müssen wir da nicht tun, denn diese kupferblonde Farbe ist wunderschön." "Seit wann habe ich kupferblonde Haare?", fragte sich Belinda. "Sie waren doch stumpf und widerborstig."
Inzwischen war ihr, als wäre sie schon stundenlang auf diesem Stuhl gesessen. Aber Eva erzählte ihr lustige Geschichten und ging auf ihre Träume ein, als ob sie sich schon ein Leben lang kennen würden. Eva ermutigte sie: "Verreisen Sie doch einfach mit dem Mann Ihrer Träume"
Belinda lachte: "Ganz richtig der Mann meiner Träume! Im realen Leben weiß er nicht mal dass ich existiere!". Sie erzählte ihr von dem Job in der Bibliothek. "Ich glaube dort halten mich alle für einen Teil der Einrichtung, oder für ein Fossil, abgelegt unter dem Buchstaben ‚U' unauffällig nur bei Bedarf hervorzuholen."
Eva lachte, "Sie haben ja richtig Humor, Sie werden schon sehen, bald ändert sich Ihr Leben und Sie werden glücklich wie nie zuvor. Sprechen Sie Ihren Markus heute Abend doch einfach mal an, Sie werden staunen, was alles passieren kann.
"Niemals, nie, stotterte Belinda. Er sieht aus wie, na wie Richard Gere und hält mich höchstens für eine Büchersuchmaschine, der würde mich doch glatt für verrückt erklären und dann wären alle meine Träume zerstört und er würde vielleicht nicht mehr in die Bibliothek kommen."
Eva hörte ihr lächelnd zu, während sie die letzten Locken zurechtzupfte, "Glauben Sie einfach an sich Belinda, dann wird alles gut."
Belinda fasste sich erschrocken an den Mund, sie konnte sich nicht erinnern jemals so mitteilsam gewesen zu sein. Sie versuchte im Spiegel ihr und Evas Gesicht zu erkennen, aber wie immer konnte sie ohne ihre Brille nur verschwommene Konturen erkennen.
"Ich brauche meine Brille!"
Evas schmeichelnde Stimme beruhigte sie. "Gleich werden Sie sehen was wir vollbracht haben. Allerdings sollten Sie sich auch mal ein paar hübsche Kleidungsstücke zulegen, wäre doch schade wenn Ihr hübsches Gesicht und die tolle Frisur nicht auch ein tolles Outfit bekämen. Aber ich denke darauf werden Sie bald selber kommen."
Endlich drückte ihr Eva die Brille in die Hand, aber Belinda fasste so ungeschickt danach, dass sie zu Boden fiel. Instinktiv bückte sie sich reflexartig tief zum Boden, in der Hoffnung sie doch noch aufzufangen zu können. Aber sie hatte keine Chance, die Gläser zerbrachen auf dem Steinboden in tausend winzige facettenartige Stücke. Ein kurzer schmerzhafter Stich in beiden Augen ließ sie hochschnellen. Erschrocken schrie sie auf und rieb sie sich die Augen, hatte sie einige Splitter abbekommen?
Sie sah Eva an, wieso konnte sie diese plötzlich mit bloßem Auge erkennen? Ihr Blick fiel in den großen Spiegel, sie sah Eva und außerdem ein bildhübsches Mädchen. Diese junge fremde Frau mit der schulterlangen, rotgelockten Haarmähne, blickte sie fragend und erstaunt aus großen grünblauen Augen an. Durch die niedliche Stupsnase und vollen herzförmigen Lippen, glaubte sie ein Gemälde von Monet vor sich zu haben. "Wer ist das?"
Eva lachte: "Das bist du Belinda!" In diesem Moment fiel ihr nicht einmal auf, dass Eva sie duzte.
Eva zog sie sanft weg, um sie von ihrem Spiegelbild loszureißen: "Sieh nie zu lange in einen Spiegel, denn es bleibt immer ein kleines Stück von einem zurück", orakelte sie lächelnd und half ihr in die mausgraue Tweedjacke.
"Denk daran und kauf dir ein paar schöne Klamotten, bevor du in die Bibliothek gehst."
Sie hielt ihr die Türe des Salons auf, Belinda war noch immer völlig durcheinander, da stimmte doch was nicht, sicher würde sie gleich in ihrem Bett aufwachen und feststellen, dass dies hier ein Traum war. Als sie ein paar Schritte in Richtung ihrer Wohnung gegangen war, fiel ihr auf, dass sie völlig vergessen hatte zu bezahlen. Sie lief zurück und stand wie angewurzelt vor Frau Hefners Schuhladen. Wo, war der Friseursalon? Sie lief die Häuserreihe rauf und runter, aber es gab nur den Laden von Frau Hefner.